Die Vogelfelsen von Hermaness

Der nördlichste Punkt Großbritanniens ist die zu dem Shettland-Archipel gehörende Insel Unst. Ein baumloser, ca. 120 km² großer Fels im Meer. Auf der Landspitze von Hermaness befindet sich einer der spektakulärsten Vogelfelsen Europas.

Die Vogelfelsen von Hermaness

Brutgebiet für tausende von Seevögeln: Die Steilwände an Schottlands West- und Nordküste

Was ist ein Vogelfelsen?

Als Vogelfelsen bezeichnet man eine zum Meer hin senkrecht abfallende Steilwand, in der verschiedene Vogelarten leben und Brüten. Die meisten Wände sind deutlich höher als 50m. Der geologische Aufbau der Küstenformation ist regional sehr unterschiedlich, meistens bestehen sie aus verschiedenen Gesteinsschichten die oberhalb mit Flugsand bedeckt sind. Vogelfelsen werden regelmäßig von zehntausenden von Seevögeln bevölkert. Sowohl der Flugbetrieb, als auch das Geschrei der Vögel sind ein beeindruckendes Schauspiel. Wer sich die Zeit nimm das Geschehen etwas genauer zu beobachten wird feststellen: Es geht weitaus weniger chaotisch zu, als es auf den ersten Blick erscheint.

Die Vogelfelsen von Hermaness

Ein besonders Highlight: Papageitaucher (Fratercula arctica) oder Puffin am Rand des Vogelfelsen

Die „Hotspots“ für Seevogelbeobachtung am Vogelfelsen in Europa sind Schottland, Norwegen und Island. In Deutschland gibt es lediglich auf der Insel Helgoland einen Felsen der alle Kriterien erfüllt. Die Fotos zu diesem Bericht entstanden alle auf den zu Schottland gehörenden Orkney- und Schettland-Inseln.

Aufbau eines Vogelfelsen

vogelfelsen

Die „Stockwerke“ des Vogelflesen

Die verschiedenen Vogelarten stellen unterschiedliche Ansprüche an ihren Nistplatz und haben individuelle Verhaltensweisen. Daraus resultiert eine Unterteilung des Vogelfelsen in einzelne Zonen. In der Natur gibt es keine absolute Trennung, meist vermischen sich die Arten in ihrem Lebensraum mehr oder weniger.

Die Papageitaucher wählen in der Regel das oberste Stockwerk, da dort der Boden sandig und von einer Grasnarbe bedeckt ist. Sie sind Höhlenbrüter, die sich für ihr Gelege einen Tunnel graben.

Ein wenig unter dem Papageitaucher, aber immer noch hoch im Vogelfelsen (im Bereich der letzten verbliebenen Vegetation), brütet der Eissturmvogel.

An der steilen, unbewachsenen Felsenwand, leben Trodalk, Trottellummen und Dreizehenmöven in einer engen, aber meist friedlichen Gesellschaft. Die Möwen bauen ihre Nester aus Pflanzenmaterialien. Lummen legen dagegen keine Nester an. Sie rollen einfach ihre Eier auf ihre gut durchbluteten Füße und drücken sie an die warme Körperunterseite.

Die Gryllteiste, ein mittelgroßer Vertreter aus der Familie der Alkenvögel, nistet in der Nähe der Wasserlinie. Den Krähenscharben und den Kormoranen gefallen am besten die Schären an der Wasseroberfläche.

An einigen Vogelfelsen sieht man auch die Basstölpel, sie möchten am liebsten einen eigenen Felsen für sich alleine beanspruchen und halten sich häufig etwas abseits der eigentlichen Brutkolonie.

Die Vogelfelsen von Hermaness

Ein Eissturmvogelpärchen (Fulmarus glacialis)

Die Eissturmvögel sind die einzigen permanenten Vertreter der albatrosartigen auf der Nordhalbkugel (eine der wenigen Ausnahmen ist seit drei Jahren ein Schwarzbraunalbatros auf Helgoland). Außerhalb der Brutzeit leben sie auf dem Meer, ihr Nest bauen sie auf Felsvorsprüngen in steilen Klippen. Eissturmvögel ernähren sich von Krebsen und Fischen, verschmähen aber auch Abfall nicht, den sie von der Meeresoberfläche aufsammeln. Meist segeln sie mit starr ausgebreiteten Schwingen dicht über dem Wasser. Der Flug richtet er nach dem auf und ab der Wellen aus. Die Flügelschläge sind rasch und kurz. In der Nähe von Steilklippen ermöglichen ihnen Aufwinde einen energiesparenden Gleitflug.

Die Vogelfelsen von Hermaness

Tordalk (Alca torda) – markant sind die weißen Streifen an Schnabel und Gesicht

In kleinen Höhlen oder Nischen an der Felswand findet der Tordalk seinen Brutplatz. Gelegentlich nutzen sie auch die Nisthöhlen von Papageitauchern. Ein „echter“ Nestbau findet nicht statt, selten findet sich eine Ansammlung kleiner Steinchen rings um die Nistmulde. Der Abstand zum nächsten Nest beträgt in der Regel eine Vogellänge.

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Dicht an dicht gedrängt: Trottellummen (Uria aalge) an der Felswand

Auf schmalen Felsbändern, Gesteinsplatten und in kleinen Nischen brüten Trottellummen (Uria aalge) und Dickschnabellummen (Uria lomvia). Lummen sind oberseits schwarz und unterseits weiß gefärbt. Im Winterkleid dehnt sich die weiße Färbung auch auf die im Brutkleid schwarze Kehle aus. Der Schnabel ist einheitlich schwarz gefärbt. Bei der Trottellumme gibt es eine Farbvariante, die Ringellumme, mit einem weißen Augenring, von dem sich ein gebogener weißer Streifen ein Stück halsabwärts zieht.

Vogelfelsen

Lummen-Ei

 

Das Weibchen legt nur ein Ei direkt auf den Felsenuntergrund. Während der Bebrütung liegen die Eier auf den Schwimmhäuten der Altvögel. Die Brutdichte kann bei über 35 Paaren pro Quadratmeter liegen und der Abstand zwischen den Nestern ist auf das Minimum der Schnabelreichweite (Hackabstand) reduziert. Die Eier der Lummen sind stark konisch geformt, um zu verhindern, daß sie aus dem Fels rollen. Bedingt durch die sehr variable Färbung können die Eltern ihre Eier auch individuell erkennen.

 

 

 

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Dreizehenmöwe (Rissa tridactyla)

Die nächste Etage der Kolonie wird von Dreizehenmöwen besiedelt. Ihre aus Pflanzenmaterial bestehenden Nester sind an winzigen Felsvorsprüngen regelrecht an die Felswand geklebt. Nach dem Schlüpfen sitzen die Jungvögel meist zwischen einem Altvogel und der Felswand geschützt im Nest. Dreizehenmöwen ernähren sich überwiegend von kleinen Krebsen.

Vogelfelsen

Gryllteiste (Cepphus grylle)

Nahe der Wasserlinie nisten die taubengroße Gryllteisten. Ihre Eier legen sie in kleinen Felsspalten auf den blanken Felsboden. Das Gefieder ist im Prachtkleid überwiegend braunschwarz und zeigt frisch vermausert einen grünen Schimmer. Auf Kinn, Brust und Bauch bleiben bisweilen ein paar weiße Federn des Ruhekleids stehen. Charakteristisch sind die ovalen, weißen Felder an beiden Flügeln, die durch die äußeren großen und mittleren Armdecken gebildet werden.

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Kormoran (Phalacrocorax carbo)

Weitere Gäste am Vogelfelsen

Vogelfelsen

Genießen die exponierte Lage eines Felsvorsprungs: Basstölpel (Morus bassanus)

Basstölpel sind kräftig gebaute Hochseevögel. Ihre Beute besteht aus Fischen, die sie auf spektakuläre Weise als Stoßtaucher fangen. Sie brüten in riesigen Kolonien und bauen ihre Nester auf die solitären Kuppen hoher Felseninseln. Eine besonders eindrucksvolle existiert auf Unst, der nördlichsten Insel des Shettland-Archipels. Bis zu 150 Meter erhebt ist das Kliff hier senkrecht über dem Meer. Zwischen vorgelagerten Felsen machen die Gezeitenströme aus dem Wasser einen tosenden Hexenkessel. Der deutsche Name bezieht sich zum Teil auf die berühmte Brutkolonie „Bass Rock“, einem Felsen vor der Ostküste Schottlands. Die Tatsache, dass die Vögel (in der Vergangenheit) leichte Jagdbeute der Menschen waren läßt auf den zweiten Namensteil schließen: „Der Vogel läßt sich leicht übertölpeln…“

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Küstenseeschwalbe (Sterna paradisaea)

Küstenseeschwalben sind die Zugvögel der Superlative! Ihr Brutgebiet ist praktisch der gesamte arktischen Raum der Nordhalbkugel, den Winter verbringt sie in der Antarktis und legt dabei eine jährliche Flugstrecke von bis zu 30.000km zurück. Kein Vogel legt im Laufe eines Jahres längere Strecke zurück als die Küstenseeschwalbe.

Küstenseeschwalben sind Stoßtaucher und fliegt die Wasseroberfläche im Suchflug ab. Haben sie eine Beute entdeckt, wie Kleinkrebse, Wasserinsekten oder kleine Fische, stoßen sie mit angewinkelten Flügeln nach unten und verschwinden vollständig im Wasser. Die Vögel brüten in großen Kolonien in Küstennähe und sind somit regelmäßig in der Nähe von Vogelfelsen anzutreffen.

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ewige Streithammel: Große Raubmöwe / Skua (Stercorarius skua)

Die Skuas sieht man bereits während des Aufstiegs über die Moor- und Heidefläche zur Steilkante. Ständig sind mehrere Exemplare in der Luft und attackieren alles und jeden: Artgenossen, Menschen, andere Lebewesen — egal. Hauptsache es ist jemand zugegen mit dem die Raubmöwen streiten können. Ihr Brutrevier befindet sich in lockeren Kolonien auf Hochflächen und flachen Abhängen oberhalb der Vogelfelsen.

Fotografisches

Fotografieren am Vogelfelsen ist leicht und unkompliziert. Ledig der böige Wind gestaltet die Aufgabe etwas schwierig (bewusst kurze Verschlusszeiten wählen!). Wer etwas Geduld und Ausdauer besitzt wird schnell beeindruckende Ergebnisse erzielen. Ab 300m Brennweite ist man „gut dabei“. Die Tiere lassen einen überraschend dicht an sich herankommen.

Vogelfelsen

Seevögel sind erstaunlich tolerant im Umgang mit Fotografen…

Es empfiehlt sich im „Raw-Format“ zu fotografieren. Die Motivkontraste sind extrem (schwarzer Vogel mit weißer Brust an einem strahlenden Frühsommertag).

Manuelle Korrekturen der gemessen Belichtung sind bei diesen Bedingungen unvermeidbar, ein prüfender Blick auf das Histogramm ist ratsam.

Der Aufstieg mit einigen Kilo Ausrüstung auf dem Rücken verlangt eine gute Kondition. Oftmals führt er kilometerweit durch eine triefende Moorlandschaft, bis man plötzlich an einem Abgrund zwischen Himmel und Meer steht.

Wie immer ist die Verwendung eines Stativs ratsam (auch wenn Janek auf dem Bild links  darauf verzichtet hat…). Man sollte es aber es nicht „hoch ausfahren“, sondern als flaches Bodenstativ mit einem tiefen Schwerpunkt verwenden. Ich habe mal wieder auf Einbeinstativ, Bohnensack und einer kleinen Neoprenunterlage als Schutz vor der Nässe des teilweise morastigen Bodens zurückgegriffen.

Insiderwissen: Puffin oder Puffin ?

Typisch Schottisch!

Während der gemeine Brite (…und natürlich auch alle Touristen)  das „u“ wie ein „a“  im Wort „Puffin“ aussprechen, mag der Schotte es ein klein bisschen anders: Er spricht Puffin mit einem „u“ –  Eigentlich falsch,  für ihn aber richtig…

Also: Der Insider spricht vom Puffin mit „u“!

Die Vogelfelsen von Hermaness

Obwohl es ihm vermutlich egal ist – mein Favorit ist die schottische Aussprache !

Reisezeit

Das Zeitfenster, um Puffins auf dem Felsen zu beobachten ist nicht groß. Außerhalb der Brutzeit, also von Ende August bis Anfang April, leben die meisten Papageitaucher auf dem offenen Meer. Sie verteilen sich offenbar weiträumig als Einzelgänger oder in kleinen Gruppen über den Nordatlantik, Konzentrationen in bestimmten Meeresregionen sind nicht bekannt.

Selbst in den verbleibenden Monaten schwankt die Zahl der zu beobachtenden Vögel erheblich, da Papagietaucher Höhlenbrüter sind, und somit häufig ein Vogel für längere Zeit in der Höhle verbleibt.

Der optimale Beobachtungszeitpunkt befindet sich zwischen der Ankunft der Vögel am Felsen im April, bis zum Ende der Balzzeit im Mai. Und dann nochmal, ca. 4 Wochen später, nachdem die Brut geschlüpft ist und das große Füttern der Jungvögel beginnt. Wer plant gezielt einen Vogelfelsen anzusteuern, der sollte auf jeden Fall im Vorfeld mit einem lokalen Experten Kontakt aufnehmen und den genauen Reisezeitpunkt daraufhin festlegen.

 

Vogelfelsen

Die Papageitaucher haben bereits ihre Höhen für das Brutgeschäft angelegt

Papageitaucher oder Papageientaucher ?

Papageitaucher ist richtig, ohne „en“. Es heißt schließlich auch „Münchner Freiheit“ und nicht „Münchener Freiheit“

Wikipedia sagt dazu „Der Papageitaucher (Fratercula arctica) oder Puffin ist eine Vogelart aus der Familie der Alkenvögel (Alcidae). Die Art brütet in Erdhöhlen an und auf Klippen oder an deren Fuß im nördlichen Atlantik sowie im westlichen Nordpolarmeer. Die IUCN stuft den Papageitaucher seit 2015 als „gefährdet“ (vulnerable) ein.“

Die Vogelfelsen von Hermaness

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Die vorgelagerten Felseninseln

Vogelfelsen

Lummen, Lummen, Lummen

Die dem Kliff vorgelagerten kleinen Felseninseln sind ebenfalls das bevorzugte Brutrevier von tausenden von Seevögeln.  Die Hinterlassenschaften der Tiere haben die granitgrauen Felsen nach und nach mit einer weißen Schicht aus Vogelkot überzogen.

Vogelflesen

Eissturmvögel

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