Libellentanz, Bildgestaltung und Schärfentiefe

Vierfleck-Libelle (Libellula quadrimaculata)

Vierfleck-Libelle (Libellula quadrimaculata)

Libellen zu fotografieren ist mit ein wenig Erfahrung eine verhältnismäßig einfache Angelegenheit. Wer sich mit den Lebensgewohnheiten der Tiere auseinander gesetzt hat, ein ruhiges Gewässer mit bewachsener Uferzone kennt, kann zwischen Mai und Oktober hervorragende Ergebnisse erzielen. 
Ganz nebenbei lassen sich anhand dieser Bilder die wichtigsten fotografische Gestaltungsregeln erklären. Das Bild der Vier-Fleck-Libelle lebt von seiner geometrischen Flächenverteilung sowie dem hohen Moitvkontrast, dadurch kommt die Transparenz der Netzflügel im leichten Gegenlicht besonders gut zur Geltung.

Zur Eiablage stechen viele Libellenarten wiederkehrend mit dem Hinterteil in flache Gewässer oder Uferzonen

Zur Eiablage stechen viele Libellenarten
wiederkehrend mit dem Hinterteil in flache
Gewässer oder Uferzonen

Wir Libellen

Hüpfen in die Kreuz und Quer,

Auf den Quellen

Und den Bächen hin und her.

Schwirrend schweben

Wir dahin im Sonnenglanz:

Unser Leben

Ist ein einz’ger Reigentanz.

Wir ernähren

Uns am Strahl des Sonnenlichts,

Und begehren,

Wünschen, hoffen weiter nichts

Mit dem Morgen

Traten wir ins Leben ein;

Ohne Sorgen

Schlafen wir am Abend ein.

Heute flirren

Wir in Freud‘ und Sonnenglanz;

Morgen schwirren

Andre hier im Reigentanz.
 

August Heinrich Hoffmann von Fallersleben (1798-1874)
 
männliche blau-gebänderte Prachtlibelle (Calopteryx splendens)

männliche blau-gebänderte Prachtlibelle
(Calopteryx splendens)

Die meisten meiner Libellen-Bilder entstanden am eigenen Gartenteich oder am Ufer des benachbarten Badesees, an also eher unspektakulären Aufnahnameorten die einfach zu erreichen sind. 
Auch die Anforderungen an die technische Ausstattung sind überschaubar: Systemkamera, Makro-Objektiv und ggf. ein Ringblitzgerät sind völlig ausreichend. Der Fotograf sollte viel  know-how über die Gesetzmäßigkeiten der Tiefenschärfe besitzen. Wichtig ist, dass er die Aufnahmesituationen sehr genau einschätzen kann. Mit Welche Verschlusszeit ist ein fotografieren aus freier Hand noch möglich.
männliche blaugrüne Mosaikjungfer (Aeshna cyanea)

männliche blaugrüne Mosaikjungfer (Aeshna cyanea)

Von unschätzbaren Wert ist ein modernes 105mm AF-Makro-Objektiv mit integriertem Stabilisator. Die Brennweite entspricht bei meiner Kamera einem Teleobjektiv mit 3-facher Vergrößerung (Abbildungsmaßstab 1: unendlich) bzw. 210mm (6-fach) beim Abbildungsmaßstab 1:1. Somit schaffe ich es verhältnismäßig leicht die Fluchtdistanz der Tiere nicht zu unterschreiten und dennoch das ausgewählte Motiv formatfüllend zu erfassen.  

 

Plattbauch

Plattbauch

Der Stabilisator ist die innovativste Entwicklung im Objektivbau der letzten 15 Jahre. Dieses Hilfsmittel erlaubt es mit Verschlusszeiten aus freier Hand zu arbeiten, die ohne Stabi unmöglich waren. Der Gewinn liegt zwischen 2 und 3 Zeitstufen. Ein Zuwachs der sich in kleinere Blenden und somit in mehr Schärfentiefe deutlich bemerkbar macht.

verlassene Libllenhülle

verlassene Libllenhülle

Exuvien findet man häufig noch Tage späten an Uferpflanzen hängen, obwohl das eigentliche Insekt schon längst geschlüpft und verschwunden ist.
Diese Bild ist ein gutes Beispiel über den bewussten Umgang mit der Schärfenebene und der Schärfen-Dehnung in die Tiefe durch abblenden. Die Libellenhülle hatte eine Länge von ca. 4 cm. Die Schärfentiefe beträgt beim Abbildungsmaßstab 1:2 / Blende 8 in etwa 3 mm. Das heißt, die Schärfe wächst um die Ebene, auf die fokussiert wurde, um je 1,5mm in beide Richtungen. 
Aus diesem Grund habe ich die Schärfenebene so gewählt, dass sie eine Linie von den Augen zu den Vorderbeinen der Hülle beschreibt. Das die Flügeldecken und der Hinterbau immer mehr in die Unschärfe fallen, habe ich bewusst in kauf genommen.

Kleine Binsenjungfer (Lestes virens)

Kleine Binsenjungfer (Lestes virens) 

Die selektive Schärfe auf dem Hauptmotiv. Das bewusste einfließen lassen von Unschärfe. Der zu einer farb-homogenen Fläche aufgelösten Hintergrund. Alles leitet den Blick des Betrachters auf den zentralen Punkt, dies ist eins der wiederkehrenden Gestaltungsmittel in der Makrofotografie.  
Bildgestaltung in der Fotografie beruht hauptsächlich auf den Primär-Elementen Perspektive, Linienführung, Flächenverteilung, Farb-/Motivkontrast (Lichtführung) sowie Schärfe und Unschärfe. 
Gefangen im Spinnennetz !

Gefangen im Spinnennetz !

Emotionen verstärken die Bildwirkung erheblich. Sie verraten viel über die Aussage die in einem Foto steckt. Zur klassischen Gestaltungslehre zählen wiedergegebene Emotionen dennoch nicht, da sie sich nicht klaren grafischen Elementen zuordnen lassen. Im Gegenteil bewusste Bildgestaltung wird beim Betrachter direkt Emotionen wecken.

leere Larvenhülle (Exuvie) einer Vierflecklibelle (vermutlich)

leere Larvenhülle (Exuvie) einer Vierflecklibelle (vermutlich) 

Die Larvenhülle und der Grashalm fangen den Betrachter mit Hilfe der „blickführenden Diagonale“ ein.
Die blickführende Diagonale (von oben links nach unten rechts), entspricht der natürlichen Sehweise eines Europäers, der ein Bild mit den Augen „durchschweift“. Eine mathematisch exakte Linienführung ist nicht das Ziel — dem Motiv angemessen sollen die Regeln der Gestaltungslehre angewendet werden um die Bildaussage zu unterstützen.
Der goldenen Schnitt, das aufteilen der Bildfläche im Verhältnis 3/8 zu 5/8

Der goldenen Schnitt, das aufteilen der Bildfläche im Verhältnis 3/8 zu 5/8

Sehr häufig ist es bei Landschaftsaufnahmen die Horizontlinie, die Erde und Himmel voneinander trennt, die instinktiv auf den goldenen Schnitt „gelegt“ wird. Der Mensch empfindet diese Flächenverhältnis, in Verbindung mit einer Aufnahme im Querformat als natürlich und vertraut (dafür manchmal auch als langweilig). In diesem Bildbeispiel ist es der Hinterleib und die angelegten Flügel des auf der Pflanze ruhenden weiblichen Binsenjungfer. Die Körperhaltung des Tieres empfinden wir als etwas akrobatisches, dadurch steigt die Spannung bei der Wahrnehmung des Bildes.

Große Königslibelle (Anax imperator)

Große Königslibelle (Anax imperator)

Das sich im Wasser reflektierende Sonnenlicht beleuchtet die Unterseite des Körpers stärker als die Oberseite.  Es entsteht eine Beleuchtungssituation die wir als mystisch und unnahbar empfinden. Das „über-diagonal“ verlaufende Schilfrohr auf dem die Königslibelle sich zur Eiablage niedergelassen hat unterstützt den Bildeindruck weiter, da es nicht direkt in unser natürliches Sehverhalten passt. Das statische Höhenseitenverhältnis 1:1 des Bildformates steht im Widerspruch zum sonstigen Bildaufbau und unterstützt somit den Spannungsbogen noch weiter.

Zentralperspektive

Zentralperspektiv

Das Bild ist so aufgebaut, dass alle Blicke auf einen zentralen Punkt geleitet werden. Es gibt keine „Nebenschauplätze“ an den der Betrachter etwas spannendes entdecken könnte.  Unterstützt wird die Bildwirkung dadurch, dass die Libelle am äußersten Ende eines Blattes, vergleichbar mit einer Pfeilspitze, sitzt. Das Gegenlicht erzeugt den benötigten Motivkontrast, so dass sich das Insekt deutlich vom Hintergrund abhebt.

Blaue Federlibelle (Platycnemis pennipes)

Blaue Federlibelle (Platycnemis pennipes)

Dreiecks-Komposition: Das geknickte Schilfrohr bildet ein Dreieck, dass bei der ersten Betrachtung den Blick sofort auf sich zieht. Alle Blicke sind auf das Schilfrohr fixiert! Die Libelle selber bemerkt man erst beim genaueren hinsehen. Das hellere Grün, einer sich in der Unschärfe befindenden Pflanze, wirkt wie eine besonderer Beleuchtungseffekt der direkt auf die Libelle zeigt. Die Aussage „Beachte die Libelle“ wird damit nochmals verstärkt.

Formatfrage: hoch, quer oder quadratisch ?

Formatfrage: hoch, quer oder quadratisch ?

Die Wahl des Höhen-Seitenverhältnis eines Bildes fließt stark in die Gestaltung der Aufnahme ein. Es ist mit verantwortlich für Spannung und Akzeptanz die entsteht, wenn ein Betrachter sich erstmalig einem Bild nähert und es wahrnimmt.Das Querformat im Verhältnis 2:3 kommt uns auf Anhieb am vertrautesten vor. Es entspricht weitgehend der natürlichen Sehweise eines Menschen. Die meisten Fotografen lassen ihre Bilder mehr oder weniger automatisch-unüberlegt in diesem Format entstehen.

Großer Blaupfeil (Orthetrum cancellatum)

Großer Blaupfeil (Orthetrum cancellatum)

Ein extremes Querformat (1:2 bis 1:10) führt automatisch dazu, dass es der Betrachter in mit einem Panorama in Verbindung bringt (zum Beispiel der schweifende Blick von einem Aussichtspunkt auf das gegenüberliegende Bergmassiv). Nachteilig ist, die deutliche Detailarmut die diese Bildformat mitbringt. Das Motiv wirkt in den meisten Fällen sehr weit entfernt, die „Betrachtungsdistanz“ (eine virtuelle, kaum messbare Größe) entfernt den Betrachter von der Aufnahme. In der Makrofotografie ein eher geltendes, da ungeeignetes Bildformat. Das Verhältnis zwischen interessanten und unwichtigen Bildpartien gerät verhältnismäßig leicht in ein Ungleichgewicht.

Die leuchtend blaue Farbe des männlichen Blaupfeils entsteht durch Wachsablagerungen am Hinterleib und sind ein Signal für die Geschlechtsreife des Insektes.

Wiederholung als Gestaltungselement

Wiederholung als Gestaltungselement

Der Reiz dieses Bildes liegt in der Wiederholung der Formen. Beide Insekten bildeten während der Paarung mit ihren Körpern zwei aufeinander folgende, symmetrische Bögen.
In dieser Aufnahme lassen sich drei Gestaltungsregeln wiederfinden: blickführende Diagonale, Motiv- / Farbkontrast und Flächenaufteilung in einen primären und einen untergeordneten Bereich.
Libellen

Nebensächlichkeiten fangen den Blick

Die sich wiederholende Aufteilung des Hintergrunds lenkt den Betrachter beim ersten hinsehen von dem eigentlichen Hauptmotiv des Bildes ab. Erst beim genaueren Hinsehen erkennt er, das die Libelle das eigentliche Primärobjekt in der Aufnahme ist. Der Betrachter wird dadurch angeregt sich ausführlicher mit dem Bild zu beschäftigen.

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